Es gibt Orte, die sucht man sich aus.Und es gibt Orte, die suchen sich einen aus. Ich glaube inzwischen, Kamen Bryag gehört zur zweiten Kategorie.
Als ich den Rohbau meines Hauses gekauft habe, wusste ich praktisch nichts über diesen Ort. Ich hatte ihn nie besucht. Ich kannte weder die Geschichte von July Morning noch John Lawton, weder Yailata noch die jahrtausendealten Höhlen. Ich kaufte das Grundstück anhand eines Videos – sehr zum Entsetzen vieler Menschen in meinem Umfeld.
“Wie kann man so etwas machen?”
Heute weiß ich: Es war wahrscheinlich eine der besten Entscheidungen meines Lebens.
Es ist ein Ort, der sich nicht erklären lässt
Ich reise seit vielen Jahren. Beruflich war ich ständig unterwegs, habe in Hotels gelebt, Flughäfen besser gekannt als manche Innenstädte und Projekte in verschiedenen Ländern begleitet.
Ich kenne wunderschöne Orte. Aber Kamen Bryag ist anders.
- Nicht schöner.
- Nicht spektakulärer.
- Einfach… anders.
Schon nach kurzer Zeit fiel mir etwas auf, das ich mir zunächst selbst nicht erklären konnte. Die Zeit fühlt sich hier anders an.
Nein, die Uhr geht nicht langsamer. Aber der Tag hat eine andere Qualität.
Man sitzt morgens mit einem Kaffee auf der Terrasse, schaut aufs Meer – und plötzlich sind drei Stunden vergangen, ohne dass man das Gefühl hätte, Zeit verloren zu haben.
Ganz im Gegenteil. Man hat das Gefühl, sie endlich wiedergefunden zu haben.
Und das Erstaunliche daran …
Als ich dieses Gefühl zum ersten Mal hatte, wusste ich nichts über die Geschichte dieses Ortes.
- Ich wusste nicht, dass hier jedes Jahr Tausende Menschen den Sonnenaufgang des 1. Juli feiern.
- Ich wusste nicht, dass der Sänger John Lawton viele Jahre genau hier den Song July Morning gesungen hat.
- Ich wusste auch nicht, dass sich wenige Kilometer entfernt mit Yailata eines der faszinierendsten archäologischen Gebiete Bulgariens befindet, mit Höhlenwohnungen, thrakischen Spuren und den Resten einer byzantinischen Festung.
- Und ich wusste nicht, dass Kap Kaliakra, einer der geschichtsträchtigsten Orte der bulgarischen Schwarzmeerküste, praktisch um die Ecke liegt.
All das habe ich erst später entdeckt, aber mein Gefühl für diesen Ort war bereits da.
Jeden Tag ein kleines Wunder in Kamen Bryag
Fast jeden Tag gehe ich mit meinem Hund an den Klippen spazieren. Und fast jeden Tag sah ich einen Monat lang Delfine.
Ich habe irgendwann aufgehört, sie als Besonderheit zu betrachten.
Bis Besucher kamen. Dann merkte ich wieder, wie außergewöhnlich das eigentlich ist. Vor mir das endlose Schwarzmeer. Unter mir die weißen Kalksteinfelsen. Über mir nur Himmel. Und irgendwo draußen ziehen Delfine vorbei, als wäre das die normalste Sache der Welt.
Vielleicht ist genau das das Besondere an Kamen Bryag.
Hier passieren außergewöhnliche Dinge, ohne dass jemand ein großes Ereignis daraus macht.
July Morning
Natürlich kennt heute fast jeder Bulgare Kamen Bryag wegen July Morning. In der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli kommen Menschen hierher, um gemeinsam den Sonnenaufgang zu erleben. Benannt ist diese Tradition nach dem gleichnamigen Song der britischen Rockband Uriah Heep.
Der Song wurde in Bulgarien zu einem Symbol für Freiheit, Hoffnung und Neuanfang – und Kamen Bryag wurde zu einem der bekanntesten Orte, um genau diesen Sonnenaufgang zu erleben.

Viele Jahre war John Lawton, der ehemalige Sänger von Uriah Heep, selbst hier und sang den Song live.
Heute erinnert ein Denkmal an ihn. Es steht nur wenige Gehminuten von meinem Haus entfernt und abends sehe ich das Licht, das das Denkmal anstrahlt. Es gehört inzwischen einfach zu meinem Alltag.
Mehr als ein Festival
Aber Kamen Bryag ist viel größer, viel mehr als ein einziges Festival.
- Es ist ein Ort, den man nicht nur am 1. Juli erleben sollte.
- Es ist ein Ort für alle, die Stille mögen.
- Für Menschen, die morgens lieber den Sonnenaufgang als den Wecker hören.
- Für alle, die wieder lernen möchten, einfach nur auf das Meer zu schauen, ohne dabei ständig zum Handy zu greifen.
Man kann diesen Ort nicht erklären
In den letzten Monaten habe ich viel über Kamen Bryag gelesen.
- Über seine Geschichte.
- Über seine Natur.
- Über seine Kultur.
- Über July Morning.
- Über Yailata.
- Über Kap Kaliakra.
Alles ist spannend.
Und doch glaube ich inzwischen, dass keines dieser Dinge allein erklärt, warum dieser Ort so besonders ist.
- Vielleicht liegt es an der Landschaft.
- Vielleicht am Wind.
- Vielleicht an der Weite.
- Vielleicht an den Geschichten.
- Vielleicht auch an allem zusammen.
- Oder vielleicht ist es einfach einer dieser seltenen Orte, an denen man eben nicht ständig das Gefühl hat, irgendwo anders sein zu müssen.
Mein Wunsch
Ich wünsche jedem Menschen, einmal hierherzukommen.
- Nicht unbedingt wegen eines Festivals.
- Nicht, weil es hier Sehenswürdigkeiten gibt.
- Sondern einfach, um einen Tag zu bleiben.
- Oder zwei.
- Ohne Plan.
- Ohne Termine.
- Ohne Erwartungen.
Vielleicht spürt ihr dann genau das, was ich seit dem ersten Tag empfinde. Vielleicht auch nicht. Das ist völlig in Ordnung. Denn jeder erlebt Orte anders…
Für mich ist Kamen Bryag zu einem Zuhause geworden. Nicht, weil ich hier ein Haus gekauft habe. Sondern weil ich dort etwas gefunden habe, das ich an vielen Orten der Welt lange gesucht hatte:
Das Gefühl, dass Zeit kein Gegner mehr ist. Sondern ein Begleiter.
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Wenn ihr einmal an der bulgarischen Schwarzmeerküste unterwegs seid, oder nach Bulgarien auswandern möchtet, dann fahrt nicht nur nach Varna oder ans Kap Kaliakra. Nehmt euch einen Nachmittag Zeit für Kamen Bryag. Geht an die Klippen. Schaut aufs Meer. Mit etwas Glück ziehen Delfine vorbei. Und wenn ihr am Ende das Gefühl habt, dass die Zeit plötzlich ein wenig langsamer geworden ist – dann wisst ihr, warum ich geblieben bin.

